17 March 2026, 00:51

Milo Rau inszeniert am Thalia Theater einen "Prozess gegen Deutschland"

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung eines überfüllten Gerichtssaals mit stehenden und sitzenden Menschen, mit dem Text «Der Prozess gegen die britische Armee in London, England» unten.

Regisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - Milo Rau inszeniert am Thalia Theater einen "Prozess gegen Deutschland"

Hamburgs Thalia Theater inszeniert politisches Spektakel: Milo Raus "Prozess gegen Deutschland"

In diesem Jahr wird das Hamburger Thalia Theater Schauplatz eines mutigen politischen Experiments: Der Schweizer Regisseur Milo Rau bringt sein "Prozess gegen Deutschland" auf die Bühne. Das dreitägige Scheingericht markiert Raus erstes theatralisches Tribunal in den Bundesländern Deutschlands und bildet den Höhepunkt der Hamburger Lessingtage – ein Festival, das für seine scharfe politische Ausrichtung bekannt ist.

Die Hamburger Lessingtage, 2010 vom damaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux ins Leben gerufen, setzen sich seit Langem mit drängenden gesellschaftlichen Fragen auseinander. Die diesjährige Ausgabe, kuratiert von Matthias Lilienthal – der bald die Berliner Volksbühne leiten wird –, endet mit Raus provokantem Format, das Schauspieler durch Juristen und Rechtsexperten ersetzt.

Im Mittelpunkt des "Prozesses gegen Deutschland" steht eine fiktive Debatte über ein mögliches Verbot der rechtsextremen AfD. Den Vorsitz führt Herta Däubler-Gmelin, Deutschlands ehemalige Bundesjustizministerin. Anders als im klassischen Theater wird die Veranstaltung als live gestreamtes Tribunal auf der Website des Thalia Theaters übertragen – eine Mischung aus juristischem Verfahren und künstlerischer Konfrontation.

Raus Arbeiten zwingen das Publikum oft, sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen. Seine früheren Produktionen wie "Hassideologie 2016" inszenierten neonazistische Gewalt und Homophobie nach, während "Das Kongo-Tribunal 2015" neokoloniale Ausbeutung sezierte. Zuletzt karikierte "Brecht mein Leben & andere Katastrophen 2023" Autoritarismus und kulturelle Unterdrückung. Mit seinem neuen Projekt führt Rau seine Tradition fort, Machtstrukturen und Extremismus durch Theater zu hinterfragen.

Der Prozess erstreckt sich über drei Tage und bietet eine öffentliche Plattform, um die politische Landschaft der Bundesländer zu analysieren. Durch die Einbindung realer Juristen und die Live-Übertragung verwischt die Produktion die Grenzen zwischen Performance und gesellschaftlicher Debatte. Das Ergebnis mag symbolisch sein, doch es wird die aktuellen Diskussionen über Demokratie, Meinungsfreiheit und den Aufstieg rechtsextremer Bewegungen in den Bundesländern bereichern.

AKTUALISIERUNG

Jury teilt sich bei AfD-Verbot im theatralischen Tribunal

Das dreitägige theatralische Tribunal endete am 15. Februar 2026 mit einer geteilten Jury-Entscheidung. Das Panel befand die AfD in wesentlichen Aspekten verfassungswidrig (5:2 Ja bei Verletzung der Menschenwürde), aber es lehnte ein komplettes Verbot ab (2 Ja, 3 Nein, 2 Enthaltungen). Es empfahl auch den Ausschluss der Partei aus der staatlichen Finanzierung. Wichtige Feststellungen waren:

  • Verfassungswidrig in Bezug auf Menschenwürde: 5:2 Ja
  • Empfehlung für ein Verbot: 2 Ja, 3 Nein, 2 Enthaltungen
  • Ausschluss aus staatlicher Finanzierung: 3 Ja, 3 Nein, 1 Enthaltung